veröffentlicht am 06.08.2022 von
Redaktion
krankenkasseninfo.de
Lipödem und Krankenkasse(c) Pixabay / CC0Bei einem Lipödem handelt es sich um eine Fettverteilungsstörung. Dabei weisen Körperareale eine hohe Anzahl an Fettzellen auf, vor allem in der Region der Beine. Außerdem betrifft dies viel häufiger Frauen als Männer. Je nach Stadium der Erkrankung lassen sich verschiedene Behandlungsmethoden anwenden. Unter bestimmten Voraussetzungen übernimmt die Krankenversicherung die Kosten der Behandlungen.
2022-08-06T13:30:00+00:00
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(c) Getty Images / gilnatureFettzellen - besonders diejenigen an den Beinen - können sich in verschiedenem Umfang vermehren. Das erschwert besonders im ersten Stadium ein rechtzeitiges Erkennen. Erst die passende Diagnose führt zu geeigneten Behandlungen, um Schmerzen vorzubeugen und eine Fettabsaugung zu verhindern. Die chronische Erkrankung lässt sich allerdings nicht vollends heilen. Früh genug erkannt, können Ärzte und Spezialisten die Symptome jedoch mit Therapien oder einer Lipödem-OP bekämpfen und Beschwerden eindämmen.
Als Symptome zeigen sich oft:
Hohes Volumen von Unterhautfettgewebe und Flüssigkeitsablagerungen an den Beinen (seltener an den Armen)
Höhere Empfindlichkeit bis hin zu starken Schmerzen bei Druck auf Beine und Arme
Scheuernder Innenbereich der Oberschenkel und zunehmende Beeinträchtigung der Mobilität
Auffällige Schwere und Anspannung in den Beinen der Betroffenen
Die genauen Ursachen der Erkrankung sind bis heute nicht vollständig geklärt. Da Männer nur in sehr seltenen Ausnahmefällen zu den Betroffenen zählen, vermuten Mediziner stark hormonelle und genetische Gründe. Eine klassische Adipositas (starkes Übergewicht) wird als Ursache ausgeschlossen, wenngleich sie begleitend auftreten und die Beschwerden verschlimmern kann.
Oft kommt es zum Ausbruch oder zu Schüben eines Lipödems, wenn sich der Hormonhaushalt im Körper wandelt, wie zum Beispiel in der Pubertät, während einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren. Bei den selten betroffenen Männern kann ein ausgeprägter Testosteronmangel – beispielsweise durch schwere Leberschäden – ein Lipödem hervorrufen. Auch die Behandlung von Prostatakarzinomen kann Fettverteilungsstörungen nach sich ziehen, da Chemotherapie, Hormon- und Immuntherapie den Hormonhaushalt massiv beeinflussen.
(c) getty Images / Dr MicrobeAbhängig vom Ausmaß der Fettverteilungsstörung lassen sich drei verschiedene Krankheitsstadien definieren. Jedes Stadium hat spezifische Symptome und erfordert oftmals unterschiedliche Behandlungsmaßnahmen. Diese reichen von der klassischen Bewegungstherapie über manuelle Lymphdrainage bis zur operativen Fettabsaugung (Liposuktion).
Alle diese Therapien und Lipödem-Operationen können die Symptome behandeln, doch da die Erkrankung chronisch ist, kann das Fettgewebe langfristig wieder nachwachsen. Auch eine Kostenübernahme operativer Eingriffe durch die Krankenkasse ist an strenge medizinische Voraussetzungen geknüpft.
Im Stadium 1 zeigen sich oft noch relativ schwache Symptome. Daher kommt es häufig zur Verwechslung mit ersten Anzeichen von Adipositas, und Betroffene gehen in diesem Stadium leider selten zum Arzt, sondern setzen fälschlicherweise auf strikte Diäten und Sport.
Obwohl für das Lipödem auch im Stadium 1 keine absolute Heilungschance besteht, sollte zwingend ein Facharzt konsultiert werden, um die Symptome frühzeitig abzumildern. Dazu gehören konservative Behandlungen per manueller Lymphdrainage und Kompressionsbekleidung. Zu den Symptomen im Stadium 1 zählen:
Cellulite-ähnliche Dellen bilden sich, wenn man die glatte Haut zusammenschiebt
Teile der tieferliegenden Hautschichten verdicken sich
Größere Fettpolster bilden sich seitlich der Oberschenkel
Symmetrische, schmerzempfindliche Verdichtungen des Fettgewebes
Erste Schwellungen auf der Haut
Wichtiges Unterscheidungsmerkmal: Große Ansammlungen an Fettzellen am Rumpf oder Bauch gehören selten zu den primären Symptomen des Lipödems, Auffälligkeiten an Armen und Beinen (mit Aussparung der Hände und Füße) hingegen schon.
Neben den genannten Symptomen zeigen sich im Stadium 2 deutlich stärkere Unebenheiten auf der Haut. Die anfänglich nur kleinen Verdickungen des Fettgewebes weiten sich großflächiger aus. Darüber hinaus nehmen die Schmerzempfindlichkeit und Schwellungen stark zu. Zu den Symptomen im Stadium 2 zählen:
Wellenförmige Konturen und tiefe Dellen („Matratzenhaut“) auf der Hautfläche
Ausbildung von deutlichen Knötchen und stellenweise derbe Verdickung der Haut
Unförmige Proportionen zwischen dem schlanken Rumpf und den stark verdickten Beinen (oder Armen) verdeutlichen sich
Zunehmendes, schmerzhaftes Fettvolumen seitlich der Oberschenkel
Der Übergang zu einem Lipödem im Stadium 3 vollzieht sich meist schleichend über mehrere Jahre, wobei Hormonschwankungen diesen Prozess drastisch beschleunigen können. In diesem späten Stadium schränken die mechanischen Behinderungen durch das massive Fettgewebe die Lebensqualität enorm ein. Zu den Symptomen im Stadium 3 zählen:
Ein massiver Anstieg der Fettzellen im Bein- und oft auch Armbereich
Gewebeverhärtungen nehmen stark zu
Wammenbildung im Innenbereich der Oberschenkel mit deformierenden, stark reibenden Fettlappen
Überhängende Wülste an den Knien und Knöcheln
Ein gestörtes Gangbild mit schmerzhaftem Hang zur X-Beinstellung
Offene Scheuerwunden und orthopädische Gelenkprobleme
(c) getty Images / Kuzenkova_YuliyaÄrzte und Spezialisten (Phlebologen oder Lymphologen) bieten diverse Therapieformen gegen Lipödeme an. Dabei unterscheidet man konservative Behandlungen von operativen Maßnahmen durch Liposuktion. Diese medizinischen Eingriffe dürfen unter keinen Umständen mit ästhetischen Schönheits-OPs verwechselt werden. Bei Lipödem-OPs können je nach Eingriff und medizinischer Notwendigkeit bis zu acht Liter krankhaftes Fettgewebe entnommen werden.
Zu den klassischen Therapien gehören neben einer angepassten Ernährung und Sportprogrammen vor allem Methoden der Kompression und Drainage. Damit verfolgen die klassischen Therapien einen ganzheitlichen Ansatz. Erfolgreich gegen die Fettverteilungsstörung sich zeigt vor allem die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE).
Klassische Behandlungsmaßnahmen bei Behandlungen von Lipödemen:
Die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie hilft sowohl bei einem beeinträchtigten Lymphabfluss als auch bei Lipödemen. Die KPE umfasst dabei verschiedene Maßnahmen, wie zum Beispiel Bandagieren, Massagen, Lymphdrainage und Kompressionstherapie. Sie kann einige Wochen dauern, aber auch Monate umfassen. Diese Therapieform ermöglicht es im besten Fall, den Normalzustand des Körpers wieder herzustellen. In jedem Fall aber lässt sich der Lymphtransport rehabilitieren, was eine langfristige Minderung der Beschwerden ermöglichen kann. Zudem kann man mittels der Komplexen Physikalische Entstauungstherapie den Lipödem-Prozess verlangsamen oder sogar aufhalten. Außerdem lässt sich einem Auftreten von Begleitsymptomen und Folgeerkrankungen entgegensteuern.
Effekte der Komplexen Physikalische Entstauungstherapie:
- Lymphabflusses verbessert sich
- Verhärtungen im Bindegewebes lassen sich lösen oder aufweichen
- Funktion und Mobilität der Gliedmaßen lässt sich verbessern
- Das Erlernen eines besseren Selbstmanagements mit Hautpflege und Bandagetechniken
- Lebensqualität kommt zurück
Die Liposuktion gilt als effektive und schonende Methode der Fettabsaugung. Sie findet unter Vollnarkose stationär oder ambulant statt. Als besonders schonende Technik zur Fettabsaugung hat sich bewährt, den Fettzellen zuerst eine Tumeszenzlösung zu verabreichen. Dadurch kommt es gleichzeitig zu einer lokalen Betäubung. Danach lockert man die Fettzellen per Vibrationskanüle und saugt diese ab. Da noch Uneinigkeit darüber herrscht, welche Faktoren ein Lipödem verursachen, kann auch eine Liposuktion nicht garantieren, dass sich neue Lipödeme bilden. Dennoch lässt sich die Anzahl der schadhaften Fettzellen mindern und damit einhergehend das Risiko eines intensiven Lipödems.
Varianten der Liposuktion
Zur Absaugung großer Volumen an Fettgewebe haben sich drei Methoden etabliert:
Tumeszenz-Lokalanästhesie (TLA)
Wasserstrahl-assistierte Liposuktion
Ultraschall/vibrations-assistierte Liposuktion
Im Anschlus an eine Lipödem-OP folgt die notwendige Kompressionsversorgung.als Nachbehandlung. Sie kann das Tragen von Kompressionskleidung über einige Wochen beinhalten. Außerdem empfiehlt sich eine Lymphdrainage in regelmäßigen Abständen. Diese Maßnahmen beschleunigen den Abbau von Schwellungen und helfen der Haut, ihre Spannkraft zurückzugewinnen.
Schließt die Krankenkasse eine Übernahme oder anteilige Erstattung aus, belaufen sich die Kosten, für die Patienten abhängig von der Größe des Eingriffs auf mehrere tausend Euro. Diese umfassen dabei neben der Narkose und der OP auch die Nachsorge.
Positive Effekte der Lipödem-OP:
Die Wasserspeicherung im Bindegewebe verringert sich.
Der Druck im Gewebe lässt nach, was einen erleichterten Lymphabfluss bewirkt.
Die Schmerzempfindlichkeit der Blutgefäße nimmt nach dem Eingriff ab.Zudem können durch eine Lipödem-OP können die Formen im Hüftbereich und den Beinen gleichförmig angepasst und verbessert werden. Ebenfalls lässt sich sowohl eine Straffung wie auch ein Entfernen überschüssiger Haut durchführen.
Die Liposuktion zur Behandlung eines Lipödems ist seit dem 9. Oktober 2025 grundsätzlich in allen drei Krankheitsstadien (Stadium I, II und III) eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Zuvor war die Kostenübernahme im Rahmen der GKV grundsätzlich auf das Stadium III beschränkt und zunächst bis Ende 2024, später bis Ende 2025 befristet. Mit dem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) wurde diese Begrenzung aufgehoben. Seit 1. Juli 2026 ist die Liposuktion auch im ambulanten Bereich entsprechend als reguläre EBM-Leistung abrechenbar.
Strenge Voraussetzungen für die Kostenübernahme
Dass die Liposuktion grundsätzlich eine GKV-Leistung ist, bedeutet nicht, dass sie bei jedem Lipödem automatisch durchgeführt werden kann. Die G-BA-Richtlinie legt konkrete Voraussetzungen fest:
Gesicherte Diagnose: Das Lipödem muss fachärztlich festgestellt werden. Voraussetzung sind unter anderem eine disproportionale, symmetrische Fettgewebsvermehrung an den Extremitäten, eine fehlende Betroffenheit von Händen und Füßen sowie Druck- oder Berührungsschmerzen im betroffenen Weichteilgewebe.
Konservative Therapie ohne ausreichende Beschwerdelinderung: Vor der Indikationsstellung muss innerhalb der vergangenen sechs Monate kontinuierlich eine ärztlich verordnete konservative Therapie durchgeführt worden sein. Dazu können insbesondere Kompressions- und Bewegungstherapie sowie (bei entsprechenden Ödemen) Lymphdrainagen gehören. Die Beschwerden müssen dadurch nicht ausreichend gelindert worden sein.
Stabiles Körpergewicht: In den sechs Monaten vor der Indikationsstellung darf keine Gewichtszunahme stattgefunden haben.
Vorgaben bei höherem BMI: Bei einem BMI zwischen 32 und 35 kg/m² gelten zusätzliche Anforderungen an die Fettverteilung. Dabei wird unter anderem das Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße (Waist-to-height-ratio, WHtR) berücksichtigt. Bei einem BMI von mehr als 35 kg/m² ist eine Liposuktion nach der G-BA-Richtlinie grundsätzlich nicht zulässig.
Auch für die behandelnden Ärzte gelten Qualitätsanforderungen
Die G-BA-Richtlinie schreibt zudem konkrete Anforderungen an die Durchführung vor. Die Liposuktion muss als Tumeszenz-Liposuktion erfolgen. Für die Durchführung sind bestimmte Facharztqualifikationen und entsprechende praktische Erfahrung vorgeschrieben. Außerdem müssen die Einrichtungen unter anderem über geeignete Notfallstrukturen verfügen. Bei ambulanten Eingriffen ist eine entsprechende Genehmigung der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung erforderlich.
Eine besondere Zertifizierung der Klinik ist dagegen nicht als allgemeine Voraussetzung vorgeschrieben. Entscheidend ist vielmehr, dass die Leistungserbringer die verbindlichen Qualitäts- und Mindestanforderungen des G-BA erfüllen.
Keine rein kosmetische Behandlung
Die Liposuktion dient nach der G-BA-Richtlinie der Linderung der Schmerzen und der Beseitigung von Bewegungseinschränkungen, um dadurch eine Steigerung der körperlichen Aktivität zu ermöglichen. Eine rein kosmetische Fettabsaugung ist daher nicht Gegenstand der GKV-Leistung.
Sind die medizinischen und qualitativen Voraussetzungen erfüllt und wird die Behandlung bei einem entsprechend zugelassenen Leistungserbringer durchgeführt, kann die Liposuktion zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden. Ein allgemeines vorheriges individuelles Kostenübernahmeverfahren bei der Krankenkasse ist für die reguläre Leistung nicht vorgesehen.