Zahnbehandlungen selbst bezahlen? CDU-Streichliste löst Debatten aus
Radikale Kürzungsvorschläge sehen vor, Zahnmedizin komplett aus dem Leistungskatalog zu nehmenGesundheitsökonomischer "Trugschluss"
Aus Sicht der Zahnärzteschaft sind die Vorschläge nicht nur unsozial und auch medizinisch unrichtig, sondern auch ökonomisch kurzsichtig. "Eine Ausgliederung der Zahngesundheit aus der GKV wäre mit erheblichen Folgekosten für das Gesundheitssystem verbunden und damit für die gesamte Bevölkerung" heißt es in einem gemeinsamen Positionspapier von Bundeszahnärztekammer und Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV). Denn Zahnprobleme seien medizinisch nicht losgelöst von anderen Körperbereichen zu betrachten. Das zeige allein schon das Thema Parodontitis mit seinen zahlreichen Begleiterkrankungen wie Diabetes, Demenz oder koronare Herzerkrankungen. Demnach sei es auch ökonomisch ein Trugschluss zu glauben, man könne mit Ausgliederungen von Zahnarztleistungen Gesundheitskosten einsparen. Genau das Gegenteil wäre der Fall.
"Verantwortungslos" und "Gefährlich"
Die politischen Reaktionen auf diesen radikalen Vorstoß fallen empört und heftig aus. Aus den Reihen des Koalitionspartners SPD hagelte es umgehend Kritik. Wer fordert, dass Kassenpatienten Zahnarztbehandlungen selbst bezahlen sollen, habe „das Gespür für die Realitäten in Arbeitnehmerhaushalten komplett verloren", antwortete der SPD-Vize und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer im „Tagesspiegel“. „Sozialpolitisch rückwärtsgewandt, gesundheitspolitisch verantwortungslos und gesellschaftlich brandgefährlich“, kommentierte der gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Christos Pantazis die Vorschläge. Aber auch aus der CDU selbst hagelte es deutliche Kritik. So kommentierte der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) Dennis Radtke, dass es immer wieder erstaunlich sei, wie ein "Club von Privilegierten Millionen Beschäftigten" erklären wollten, auf was sie demnächst verzichten sollten.
Sozialstaat als Stabilitätsanker begreifen
Der Sozialverband VdK wies die Vorschläge vehement zurück und nannte sie "zynisch". VdK-Präsidentin Bentele warnte vor der politischen Instrumentalisierung des Sozialstaates udn forderter ein Machtwort von Bundeskanzler Merz, um diese "unselige Debatte zu beenden". "Wir wollen keine Zustände wie in den USA, wo am Zustand der Zähne ablesbar ist, wer sich eine Behandlung leisten kann und wer nicht.", fasste sie zusammen. Die Ko-Chefin der Linkspartei Ines Schwerdtner nannte den Vorschlag einen „Frontalangriff auf 90 Prozent der Menschen in diesem Land“. Das entspricht in etwa dem Anteil gesetzlich Versicherter in der Gesamtbevölkerung. Die Unionsparteien sollten den Sozialstaat endlich nicht länger als ein Problem, sondern „als Stabilitätsanker unserer Gesellschaft begreifen.“, mahnte die LINKEN-Politikerin.
Der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrates, Wolfgang Steiger, verteidigte die Liste. Es brauche, so Steiger, unter anderem auch eine ehrliche Debatte über den bestehenden Leistungskatalog der Krankenkassen, damit die Sozialabgaben nicht immer weiter ansteigen.
Anteil der Kosten für Zahnbehandlungen an den GKV-Gesamtausgaben 2024(c) VDEK
Gravierende Folgen für Zahngesundheit
Im Jahr 2024 gaben die gesetzlichen Krankenkassen laut einer Statistik des Bundesgesundheitsministeriums 18,2 Milliarden Euro im Zahnbereich aus. Das entsprach in diesem Jahr 5,6 % der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicheurung. Auf jeden einzelnen Versicherten entfielen dabei im Schnitt 244 Euro. Wenn man Zahnarztleistungen komplett aus dem Leistungskatalog herauslösen würde, müssten die versicherten Arbeitnehmer diese komplett selbst und privat tragen beziehungsweise über private Zusatzversicherungen absichern. Aus marktwirtschaftlichen Aspekten betrachtet, dürften sich bei einem solchen Szenario viele Zahnarztleistungen aber auch verteuern. Weil sich Millionen Menschen dann keine adäquate hochwertige zahnmedizinsiche Versorgung mehr leisten könnten, wäre ein Einschnitt bei der Zahngesundheit mit entsprechenden Folgeerkrankungen eine sehr wahrscheinliche Folge.
