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"Die GKV muss ein Spiegel der gesamten Gesellschaft sein"

Interview mit Olaf Woggan - Vorstand der AOK Bremen / Bremerhaven
veröffentlicht am 27.10.2017 von Redaktion krankenkasseninfo.de
2017-10-27T14:01:00+00:00

Olaf Woggan Olaf Woggan(c) AOK Bremen/Bremerhaven / Tristan Vankann
Es geht auch anders: Die AOK Bremen/Bremerhaven senkt ihren Zusatzbeitrag und erweitert das Angebot an Zusatzleistungen. Vorstand Olaf Woggan erklärt, wie diese positive Entwicklung möglich wurde. Außer dem erläutert er im Interview, warum das "Bremer Modell" die Versicherten und Steuerzahler entlastet und ein Modell für alle Bundesländer sein sollte. 

 

Ergebnis der AOK Bremen/Bremerhaven im aktuellen Krankenkassentest

AOK Bremen/Bremerhaven

- Kassenprofil, Testergebnisse und Informationen

 

Seit der Einführung des kassenindividuellen Zusatzbeitrags wurde dieser noch nie abgesenkt - im Gegenteil: Es wurde immer nur teurer. Durch welche aktuellen Entwicklungen sehen Sie sich in der Lage, ihre Versicherten derart wirksam zu entlasten?      

Wir senken unseren bisherigen Zusatzbeitragssatz um 0,3 Prozentpunkte auf 0,8 Prozent ab. Das bedeutet, dass wir unsere Mitglieder um rund 15 Millionen Euro entlasten. Das können wir, weil wir unsere Ausgaben in den vergangenen beiden Jahren erheblich senken konnten. Zu den Erfolgsfaktoren gehört, dass wir unser gesamtes Ausgabenmanagement ganz neu aufgestellt haben und wir interne Prozesse optimiert haben und weiter optimieren, in dem wir sie digitalisieren. Außerdem haben wir in den letzten Jahren besonders viele junge Versicherte für uns gewinnen können. Dadurch sinken zwar relativ auch unsere Einnahmen aus dem Gesundheitsfonds; unsere Ausgaben sinken aber noch stärker. Der Wissenschaftliche Beirat beim BVA hat diesen Überdeckungseffekt in seinem Sondergutachten zum RSA zutreffend beschrieben. Wobei ich überzeugt bin, dass der Effekt nur dann wirklich eintritt, wenn die Kasse eine solche Entwicklung durch konsequentes Ausgabenmanagement begleitet und steuert. Das haben wir getan.  

 

Die gesamten Rücklagen der Krankenkassen belaufen sich mittlerweile bei 17 Milliarden Euro und mehr. Wollten sie mit diesem Schritt auch ein Signal an andere Kassen senden? Immerhin sind das ja die Beitragsgelder der Versicherten.   

Genauer gesagt sind es die Beiträge der Mitglieder und der Arbeitgeber, hinzu kommt der Zusatzbeitrag, den die Mitglieder allein tragen. Damit haben sie auch zu unseren Überschüssen beigetragen. Wir wollen sie am Erfolg teilhaben lassen, und damit auch die Kaufkraft in der Region stärken. Nein, wir senden kein Signal an andere, sondern wir wollen allein unsere Versicherten – und unsere künftigen Versicherten - überzeugen, dass sie bei uns richtig und gut versichert sind. Dazu werden wir 2018 auch unsere Leistungen und den Service ausweiten. Denn gegen den bundesweiten Trend haben wir 2016 und 2017 neue Geschäftsstellen eröffnet, und das werden wir 2018 fortsetzen.   

 

Lange Zeit galt das Prinzip: Beitragsvorteil oder Mehrleistungen. Mit der Aufnahme neuer Satzungsleistungen zeigen Sie, dass es auch anders geht. Welche neue(n) Zusatzleistung(en) wird die AOK Bremen/Bremerhaven aktuell in die Satzung aufnehmen?

Wir wollen unseren Versicherten eine zweite professionelle Zahnreinigung anbieten, Schutzimpfungen vor Auslandsreisen und besondere Leistungen für die Familie, zum Beispiel Erste-Hilfe-Kurse bei Kinder-Notfällen. Die Kostenübernahme, in der Regel 80 Prozent, erfolgt im Rahmen unseres Programms „500 Euro Plus“. Unser Verwaltungsrat wird über dieses Leistungspaket im Dezember beraten und dann beschließen.  

 
Das so genannte „Bremer Modell“ in der Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen und Asylbewerbern hat auch in anderen Bundesländern Schule gemacht. Kann die aktuelle Beitragssenkung auch als Zeichen dafür angesehen werden, dass die Solidargemeinschaft dies sehr wohl ohne Abstriche bewältigen kann?

Die Betreuung von Geflüchteten im „Bremer Modell“ - in Bremen und Hamburg - ist für den Steuerzahler viel günstiger und gleichzeitig unbürokratischer ist als das umständliche Antrags- und Privatrezeptverfahren in anderen Ländern. Denn wir wenden bei der Betreuung der Flüchtlinge die Regeln der GKV für die Abrechnung an, die Kosten stellen wir den steuerfinanzierten Sozialbehörden in Rechnung. Die Solidargemeinschaft der GKV kommt erst später ins Spiel, wenn die ehemaligen Flüchtlinge nach spätestens 15 Monaten eine gesetzliche Kasse wählen. Tatsache ist, dass die meisten Geflüchteten sehr jung sind – einer der Gründe, warum das Durchschnittsalter in der AOK Bremen/Bremerhaven innerhalb weniger Jahre von 44,5 auf 42 Jahre gesunken ist.

 

Und was bedeutet das für die Entwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland?

Die GKV muss ein Spiegel der gesamten Gesellschaft sein. Wenn wir nach neuesten Studien davon ausgehen, dass die Bevölkerung bis 2035 durch die Zuwanderung sogar leicht auf 83 Millionen Menschen wächst, dann heißt das, dass wir weniger die Diskussion um die sogenannte Vergreisung der Gesellschaft führen sollten, sondern vielmehr darum, wie Zuwanderung gelingt und wie junge Menschen mit Migrationshintergrund besser als bisher integriert werden, so dass sie schnell Arbeit finden – und so zum Solidarsystem beitragen.

 

 

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