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Gesundheitspolitik

"Der Handlungsdruck für eine neue Regierung ist groß"

Dr. Jens Baas (TK) über die dringenden gesundheitspolitischen Reformen der Zukunft
veröffentlicht am 22.12.2017 von Redaktion krankenkasseninfo.de

Dr. Jens Baas - Vorstandsvorsitzender der TKDr. Jens Baas - Vorstandsvorsitzender der TK(c) Techniker Krankenkasse
Die Regierungsbildung in Berlin lässt weiter auf sich warten, obwohl der Handlungsbedarf in der Gesundheitspolitik akut ist. Der Vorstandschef der größten deutschen Krankenkasse zu Pflegenotstand, Auswegen aus dem "Kodierungswettbewerb" und zum TK-Projekt "Elektronische Patientenakte". 

2017-12-22T14:43:00+00:00
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Herr Dr. Baas, die Regierungsbildung gestaltet sich in Berlin derzeit mehr als schwierig. Hat das auch Auswirkungen auf die TK?

Mit einer langen Hängepartie ist niemand wirklich glücklich - wir auch nicht. Es sieht ja nicht so aus, als würden wir in den nächsten Monaten eine neue Regierung bekommen. Wichtige und dringende Reformen können derzeit also nicht vorangebracht werden. Zwar spielte die Gesundheitspolitik in den Wahlprogrammen der Parteien keine große Rolle, aber die Baustellen in Sachen Finanzierung der GKV, Digitalisierung und Pflege sind offensichtlich. Dadurch wächst der Handlungsdruck für eine neue Regierung.

Immerhin hat die letzte große Koalition eine große Pflegereform auf den Weg gebracht. Wie schätzen sie deren Erfolg ein?

Die Reform war notwendig. Doch damit ist es selbst hier nicht getan. Wir haben schon heute fast drei Millionen Pflegebedürftige, und es werden in naher Zukunft noch weitaus mehr Menschen auf fremde Hilfe angewiesen sein. Daher sollte die Regierung schnell handeln, um die Pflegeberufe wieder attraktiver zu machen und die Personalausstattung zu verbessern. Hierfür brauchen wir auch Wiedereinstiegsprogramme. In der Altenpflege bleiben Fachkräfte im Durchschnitt keine zehn Jahre in ihrem Beruf. Einem Beruf, den sie sicherlich einmal aus echter Überzeugung und nicht wegen der guten Bezahlung gewählt haben.

Auch bei der Digitalisierung gab es mittlerweile wenn auch kleine Fortschritte. Reicht das bisherige Tempo Ihrer Meinung nach aus?

Bei dem Thema haben wir im Gesundheitswesen noch immer einen weiten Weg vor uns. Es gibt derzeit keinen Lebensbereich, der sich nicht massiv durch die Digitalisierung verändert. Das bietet einerseits große Chancen, um die Versorgung in entscheidenden Punkten zu verbessern. Auf der anderen Seite gehen mit diesem tiefgreifenden Wandel auch Risiken einher. Meiner Meinung nach besteht derzeit die größte Gefahr darin, dass die Digitalisierung nicht aktiv gestaltet und dieses Feld anderen überlassen wird.

Dem wollen Sie offenbar zuvor kommen, wenn Sie als TK auf eigene Faust eine elektronische Gesundheitsakte entwickeln?

In der Tat entwickeln wir gemeinsam mit IBM Deutschland GmbH eine elektronische Gesundheitsakte(eGA), die im kommenden Jahr an den Start gehen soll. Die eGA ist ein gesicherter elektronischer Speicher, in dem der Patient seine Gesundheitsdaten gebündelt speichern kann. Der Versicherte entscheidet, welche Daten er in seiner persönlichen Akte ablegen möchte und ausschließlich er selbst hat Einblick in diese Daten, auch wir als Krankenkasse nicht.

Mit dem Projekt legen Sie sehr viel Verantwortung in die Hände des Versicherten wie schätzen Sie die Gefahr der Überforderung ein?

Sie haben vollkommen Recht, der Umgang mit den eigenen Daten erfordert Verantwortung. Diese Verantwortung liegt aber bereits jetzt beim Versicherten. Das ist vielen nur nicht bewusst, da wir an die analogen Entscheidungswege gewöhnt sind. Sie können beispielsweise auch heute schon selbst entscheiden, ob sie einen Entlassbrief aus dem Krankenhaus oder ein Röntgenbild zu ihrem Facharzttermin mitnehmen oder nicht. Diese Entscheidung treffen sie bei der eGA genauso. Sie haben jedoch mit der eGA die Möglichkeit jederzeit über ihr Smartphone auf ihre Daten zuzugreifen und ersparen sich viele bürokratische Wege. Die eGA kann verhindern, dass Unterlagen vergessen werden und Informationen ungewollt verloren gehen. Die Hoheit über die gesamten eigenen Daten liegt endlich dort, wo sie hingehört: In den Händen des Patienten.

Sie entwickeln also eine elektronische Akte für über zehn Millionen TK-Versicherte  bauen Sie damit eine Parallelstruktur?

Unser Vorstoß soll ausdrücklich nicht in einer Insellösung münden. Die elektronische Gesundheitsakte, die wir gemeinsam mit IBM Deutschland GmbH entwickeln, wird daher auch anderen Krankenkassen und -versicherungen offen stehen. Wir wollen damit einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung leisten und Bewegung ins System bringen. Darum wird es selbstverständlich auch die Möglichkeit geben, dass die Versicherten ihre Daten mitnehmen, wenn sie sich im Zuge des Wettbewerbs für eine andere Kasse entscheiden.

Wettbewerb ist ein gutes Stichwort. Da ist von Ihnen in den letzten Monaten eine Schieflage angeprangert worden.

Wir brauchen einen funktionierenden Wettbewerb, wenn das Gesundheitssystem zukunftsfähig bleiben und den gesellschaftlichen und medizinischen Herausforderungen auch in der Zukunft gewachsen sein soll. Der „morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich“ (kurz Morbi-RSA) soll eigentlich verhindern, dass Kassen mit besonders vielen kranken oder besonders kranken Versicherten benachteiligt werden und so einen fairen Wettbewerb ermöglichen. Was zunächst gerecht und sinnvoll erscheint, verzerrt in der Praxis allerdings den Wettbewerb zwischen den Kassenarten. So bekommen einige Krankenkassen Jahr um Jahr deutlich mehr Geld, als sie für die Versorgung ihrer Versicherten wirklich brauchen - während andere zu wenig erhalten.

Mit Ihrem Vorstoß in Sachen Kodierwettbewerb der Kassen haben Sie eine breite Diskussion angestoßen. Wo müsste der Hebel angesetzt werden?

Wie krank die Versicherten einer Kasse sind, wird in erster Linie über die Diagnosen gemessen, die die Ärzte kodieren. Dabei werden jedoch weit verbreitete Erkrankungen, wie Diabetes oder Bluthochdruck, deutlich stärker berücksichtigt als schwere, seltenere Erkrankungen. So lange das so ist, ist es für alle Krankenkassen lukrativ, sich im Wettbewerb stark darauf zu konzentrieren, für diese Erkrankungen möglichst korrekte Diagnosen zu bekommen - mit der Gefahr, dass Versorgung und Service zurückstehen. Hier wird der Wettbewerb an der falschen Stelle ausgetragen, nämlich über die Diagnosen in den Praxen und nicht über gute Wirtschaftlichkeit und gute Leistungen für die Versicherten.  

Herr Dr. Baas wie blicken Sie in die nächsten vier Jahre?

Die Gesundheitspolitiker der nächsten Legislaturperiode werden viel zu tun haben. Die Themen Pflege, Digitalisierung und Wettbewerb sind ja längst nicht die einzigen Baustellen. Viel zu tun gibt es auch bei der Krankenhausfinanzierung, der Zukunft der Notfallversorgung, der Förderung der sprechenden Medizin und der sektorübergreifenden Bedarfsplanung. Zudem drängt die Vereinheitlichung der Aufsichtspraxis für die GKV. Es wird also sicher nicht langweilig.

 

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