Hauptregion der Seite anspringen
Gesundheitspolitik

Normalfall Organspende? Warum der Vorschlag von Jens Spahn Fragen aufwirft

Ethische Probleme durch die vorgeschlagene 'Widerspruchslösung'
veröffentlicht am 03.09.2018 von Redaktion krankenkasseninfo.de

Mit einer Unterschrift auf dem Organspendeausweis bezeugen Menschen bislang ihre Bereitschaft zur Spende. Mit einer Unterschrift auf dem Organspendeausweis bezeugen Menschen bislang ihre Bereitschaft zur Spende.(c) Thorben Wengert / pixelio.de
Die Freiwilligkeit einer Organspende galt bislang als unumstößliches Prinzip. Das will Gesundheitsminister Spahn (CDU) nun ändern. Er fordert die so genannte „Widerspruchslösung“.

2018-09-03T12:51:00+00:00
Werbung

Alle gutgemeinten Kampagnen haben nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Die Spendenbereitschaft in der deutschen Bevölkerung ist nicht in dem Maß gestiegen, wie es nötig wäre, um die Wartezeit auf Spenderorgane endlich verringern zu können. Die Medizin steht vor einem Dilemma, denn von der Bereitschaft zur Organentnahme hängen alltäglich Menschenleben ab.  

Umkehrung der bisherigen erweiterten Zustimmungspflicht

In dieser Situation besinnt sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf die Möglichkeit einer Rechtspraxis, die in anderen EU-Ländern wie Italien, Österreich oder Spanien gilt. Dort nämlich ist eine Organentnahme bei Verstorbenen erlaubt, wenn diese zuvor nicht ausdrücklich widersprochen haben. In Deutschland hingegen gilt lang eine ausdrückliche Zustimmung – zum Beispiel mit einer Unterschrift auf dem Organspendeausweis - als Legitimation. Für die umgekehrte so genannte „Widerspruchslösung“ macht sich Spahn nun in seinem Entwurf für ein neues Organspende-Gesetz stark und löst damit Diskussion und Widerspruch aus. Denn de facto bedeutet das, dass jeder automatisch als Organspender gilt, wenn kein Widerspruch vorliegt.

Zu wenig Organspendeausweise

Auf den deutschen Wartelisten für Organtransplantationen stehen pro Jahr circa 10.000 Menschen, die auf einen Spender warten. Laut Umfragen sind zwar drei Viertel aller deutschen prinzipiell mit einer Organspende nach ihrem  Ableben einverstanden, aber nur ein Fünftel ist im Besitz eines Organspendeausweises. Ist die Widerspruchlösung also nur eine Vereinfachung der bürokratischen Hürden?

Ethische Probleme  

Für die Theologin Eva Dittmann ist diese Regelung ethisch problematisch. Der menschliche Körper, schreibt sie in einem Thesenpapier eines christlichen Ethikinstituts,  ist kein Gemeineigentum der Gesellschaft. Somit bestehe keinerlei „Verfügungsrecht eines Fremden über ihn.“ Die Freiwilligkeit der Spende ist eine „unverzichtbare Bedingung für die ethische Legitimität der Transplantationsmedizin“. Diese aber ginge verloren, wenn Menschen nur deshalb zu Organspendern würden, weil sie versäumt  haben, dem zu widerprechen.  Ein weiteres Argument gegen eine Umkehrung der Einverständnispflicht ist der illegale Organhandel.

Dieser konnte sich bislang in Deutschland gerade wegen der hohen rechtlichen Hürden nicht so ausbreiten wie in anderen Ländern. Die Einführung der Widerspruchslösung würde eventuell auch der Organhandelsmafia ihr kriminelles Geschäft erleichtern. Ein weiteres gewichtiges Argument, das die Theologin ins Feld führt, ist die Möglichkeit von Fehldiagnosen bei der Feststellung des Hirntodes.

 

Weiterführende Artikel:
  • Ja oder Nein auf einen Blick: der Organspendeausweis
    Ein landläufiger Irrtum ist, dass ein Organspendeausweis nur ein Beleg für die eigene Bereitschaft zum Spenden von Organen oder Gewebe im Todesfall ist. Dies stimmt aber nur zur Hälfte.
  • Patientenverfügung – damit der eigene Wille im Ernstfall zählt
    Eine Patientenverfügung ist relevant, wenn Menschen infolge von Krankheit oder Unfall nicht mehr in der Lage sind, Aussagen zur gewünschten Behandlung oder sonstigen medizinischen Maßnahmen zu machen. Existiert ein solches Dokument, geschehen die nächsten Schritte idealerweise im Sinne des Betroffenen.
  • Anzahl der Organspenden im Rekordtief
    In Deutschland werden immer weniger Organe gespendet. Dies liegt allerdings nicht allein an einer geringeren Spendebereitschaft möglicher Spender. Ursachen für die rückläufigen Zahlen finden sich auch in den Krankenhäusern. Seit Jahren ist die Anzahl der Organspenden rückläufig.

 

 

Bewerten Sie uns 4,8 / 5

2821 Besucher haben in den letzten 12 Monaten eine Bewertung abgegeben.