Hauptregion der Seite anspringen
Organspende

Neues Gesetz will Kliniken und Beauftragte für Transplantation stärken

Mehr Geld, bessere Betreuung und vielleicht auch die Widerspruchslösung
veröffentlicht am 20.11.2018 von Redaktion krankenkasseninfo.de

Des neue Organspendegesetz kommt 2019 Des neue Organspendegesetz kommt 2019(c) Tim Reckmann / pixelio.de
Mit 797 Spenden im Jahr 2017 fiel die Zahl der Organspenden in Deutschland auf ein Rekordtief: Noch nie zuvor wurden hierzulande weniger Organe gespendet. Gleichzeitig warteten circa 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht das Problem gar nicht in der mangelnden Spendenbereitschaft, sondern bei den Kliniken, denen häufig Zeit und Geld fehlt, potenzielle Organspender zu identifizieren.

2018-11-20T13:49:00+00:00
Werbung

Das neue Organspende-Gesetz soll hier Abhilfe schaffen. Anknüpfungspunkte sind die Abläufe in den Kliniken, die Stellung der Transplantationsbeauftragten sowie die Finanzierung der Leistungen, die im Rahmen des Organspendeprozesses anfallen. Auf die Krankenkassen kommen laut Schätzungen durch das Gesetz mehr als dreißig Millionen Euro an zusätzlichen Kosten zu.

Stärkere Position der Transplantationsbeauftragten

Der Gesetzentwurf sieht vor, Transplantationsbeauftragte in den bundesweit fast 1.300 Entnahmekliniken künftig von anderen Aufgaben freizustellen. Sie sollen dadurch mehr Zeit erhalten, um potentielle Organspender zu identifizieren und Gespräche mit den Angehörigen zu führen. Außerdem sollen sie künftig hinzugezogen werden müssen, wenn Patienten als mögliche Spender in Betracht kommen und ein Zugangsrecht zur Intensivstation erhalten. Um das tatsächliche Spenderpotential besser beurteilen zu können, sollen sie die Möglichkeit erhalten, Patientenakten uneingeschränkt einzusehen.

Für je 10 Intensiv- bzw. Beatmungsbetten plant das Gesetz die Freistellung von 0,1 Stellen. Hat eine Klinik mehr als eine Intensivstation, soll für jede dieser Stationen eine entsprechende Personalstelle für die Organspende geschaffen werden.
Daneben sollen die Transplantationsbeauftragten für fachspezifische Fort- und Weiterbildungen auf Kosten der Kliniken freigestellt werden.

Finanzielle Unterstützung der Entnahmekliniken

Zur Entlastung sollen die an dem Organspendeprozess beteiligten Kliniken mit mehr finanziellen Mittel versorgt werden. Hierfür sollen Entnahmekrankenhäuser künftig eine Grundpauschale sowie differenzierte Pauschalen zur Abgeltung intensivmedizinischer Maßnahmen und der Leistungen bei der Organentnahme, einschließlich der Kosten für die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls, erhalten. Zum anderen soll den Entnahmeklinken ein Zuschlag als Ausgleich für die stärkere Inanspruchnahme ihrer Infrastruktur gewährt werden.

Rufbereitschaftsdienst und Angehörigenbetreuung

Voraussetzungen für eine postmortale Organspende ist, neben der Einwilligung in die Organentnahme, der irreversible Ausfall der Hirnfunktionen („Hirntod“) des Spenders. Diesen unumkehrbaren Hirnfunktionsausfall müssen zwei erfahrene Ärzten unabhängig voneinander feststellen. Um zu gewährleisten, dass derartige Diagnose durch qualifizierte Ärzte auch in kleineren Entnahmeklinken jederzeit möglich sind, soll ein flächendeckender neurochirurgischer und neurologischer konsiliarärztlicher Rufbereitschaftsdienst eingerichtet werden. Daneben sollen Angehörige des Organspenders durch die Koordinierungsstelle besser betreut und ihnen ein Austausch mit dem Organempfänger durch anonymisierte Schreiben ermöglicht werden.

Streitfall Patientenakten: Kritiker sehen Eingriff in Datenschutz

Die in dem Gesetzentwurf vorgesehenen Regelungen werden weitgehend begrüßt. Dennoch warnt die Deutsche Stiftung Patientenschutz vor einem Eingriff in die Patientenrechte: Es ist „nicht zu akzeptieren, dass Transplantationsbeauftragte schon vor der Feststellung des Hirntodes uneingeschränkt Einsicht in die Patientenakte nehmen dürfen. Das ist ein schwerer Eingriff in den Datenschutz und die Bürgerrechte von schwerstkranken Menschen“, sagt Vorstand Eugen Brysch. Er fordert daher eine Klarstellung im Gesetz, dass Patientenakten nur mit Zustimmung des Betroffenen oder eines Bevollmächtigten eingesehen werden dürfen.

Widerspruch gegen Widerspuchslösung

Unabhängig von dem Gesetzentwurf reißt auch die Debatte um die Einführung der Widerspruchslösung nicht ab. Derzeit wird für eine Organspende entweder das Einverständnis des Betroffenen oder die Zustimmung der Angehörigen benötigt. Nach der Widerspruchslösung wäre hingegen genau umgekehrt jeder automatisch ein potenzieller Organspender, es sei denn, er erklärt ausdrücklich, eine Organentnahme nicht zu wollen. Gesundheitsminister Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten erst kürzlich die Widerspruchslösung befürwortet. Diese gilt unter anderem in Frankreich, Finland, Irland oder Italien.

In der ersten Jahreshälfte 2019 soll das Gesetz in Kraft treten. Bis dahin wird auch der endgültige Gesetzestext feststehen - entweder mit der Widerspruchslösung oder weiter mit der bislang geltenden Entscheidungslösung.

 

Weiterführende Artikel:

 

 

 

 

Bewerten Sie uns 4,8 / 5

2847 Besucher haben in den letzten 12 Monaten eine Bewertung abgegeben.